Didaktik der Geschichte
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Europa aber nicht EU? - Studienexkursion in den Westbalkan

Im Rahmen des Vertiefungskurses „Europa aber nicht EU? Südosteuropa im Geschichtsunterricht“ unter der Leitung von PD Dr. Moritz Pöllath begaben sich 16 Lehramtsstudierende auf eine einwöchige Exkursion in die Länder Serbien, Nordmazedonien, Kosovo und Albanien.

18.05.2026

Der Besuch des Historischen Museums Jugoslawiens und des angeschlossenen Mausoleums Josip Broz Titos stellte den Auftakt der Exkursion in den Westbalkan dar. Die Ausstellung reflektiert die historiographische Herausforderung, die Erinnerung an ein supranationales Staatskonstrukt in einen dezidiert nationalstaatlichen Rahmen einzugliedern. Das Nostalgiegefühl über die Zeit Titos steht im scharfen Kontrast zu den ethnopolitischen Fragmentierungen der 1990er Jahre, die uns an späteren Stationen der Reise in Erinnerung gerufen wurden.

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Deutsche Botschafterin Anke Konrad (mitte)

Der zweite Exkursionstag war geprägt von hochrangigen außen- und innenpolitischen Hintergrundgesprächen. Im Dialog mit Jakov Devčić, dem Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) für Serbien und Montenegro, wurde die aktuelle innenpolitische Lage Serbiens dargelegt und diskutiert. Im darauffolgenden Gespräch mit der deutschen Botschafterin in Serbien, Anke Konrad, wurde die europäische Integration Serbiens sowie der weiteren Balkanregion vertieft. Botschafterin Konrad sprach dabei über die strukturellen Hürden des Beitrittsprozesses, insbesondere im Bereich der Rechtsstaatlichkeit und der regionalen Aussöhnung, während gleichzeitig die strategische Notwendigkeit einer europäischen Verankerung zur Eindämmung drittstaatlicher Einflüsse betont wurde. Ergänzend hierzu boten die Ausführungen von Jörg Heeskens, Berater des serbischen Präsidenten in wirtschaftlichen Fragen, Einblicke in die ökonomischen Realitäten Serbiens und darüber, wie sich die wirtschaftlichen Verflechtungen des Landes und der weiteren Balkanregion politisch ausbilden. Er attestierte der EU eine gewisse Behäbigkeit in der Umsetzung von infrastrukturellen Großprojekten und dem Beitrittsprozess, der die europäische Perspektive der Länder zu gefährden droht. Die historischen Hintergründe der politischen Gegenwart wurden am Nachmittag durch den Besuch im „Museum der 90er“ ergänzt. Das Projekt thematisiert die Dekade der gewalttätigen Zerwürfnisse, des Staatszerfalls und der tiefgreifenden gesellschaftlichen Traumata. Es bricht dabei mit der im serbischen Diskurs dominierenden Externalisierung von Kriegsschuld und bietet stattdessen einen multiperspektivischen, zivilgesellschaftlichen Zugang zum Zerfall Jugoslawiens.

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Die geführte Besichtigung der Gedenkstätte des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Staro Sajmište schloss unseren Aufenthalt in Belgrad ab. An einem Ort des Holocausts an den serbischen Juden, des Massenmordes an Roma und antifaschistischen Widerstandskämpfern unter deutscher Besatzung unter Einbindung des NDH-Regimes, beleuchtete die wissenschaftliche Diskussion eine Region, die in der Erinnerung an die NS-Verbrechen nur limitiert Beachtung findet und die Chance bietet, im Schulunterricht aufgegriffen zu werden.

In Skopje erfolgte eine selbstorganisierte Stadtführung durch den Denkmalpark des kontroversen städtebaulichen Projekts „Skopje 2014“. Aus erinnerungskultureller Sicht stellt dieses Projekt ein Paradebeispiel für staatlichen Historismus dar. Mit der Errichtung monumentaler Statuen und neoklassizistischer Fassaden wurde der Versuch unternommen, eine eigene, distinkte Identität zu betonen und Ansprüchen von Griechenland und Bulgarien zu begegnen.

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Der Tagesausflug nach Pristina, der Hauptstadt der Republik Kosovo, verlagerte den Fokus auf die jüngste staatliche Entität der Region. Die Stadtführung durch eine lokale Ortskraft der Konrad-Adenauer-Stiftung bot Einblicke in die tagespolitischen Realitäten. Im Zentrum der politikwissenschaftlichen Analyse stand der Status der staatlichen Souveränität, die anhaltenden ethnischen Spannungen im Nordkosovo sowie das blockierte Normalisierungsabkommen mit Belgrad.

Der Aufenthalt in Ohrid, das als „Jerusalem des Balkans“ und Epizentrum der altkirchenslawischen Schriftkultur gilt, erlaubte die exemplarische Analyse der historischen Schichtung des Balkans. Das friedliche Nebeneinander mehrerer Religionen bezeugt die inhärente Multikulturalität, die charakteristisch für die Region ist.

Der Transfer nach Tirana beinhaltete einen Zwischenstopp an einer Brücke der antiken Via Egnatia, die als räumliches Sinnbild für die jahrhundertealte transregionale Verflechtung des Balkans in der Antike diente. In Tirana führte eine studentisch geleitete Stadtführung in die totalitäre Vergangenheit des Landes ein. Dabei konzentrierte sich die historische Erkundung auf die spezifische Funktionsweise des albanischen Kommunismus und seines Regimes, das sich durch einen extremen Isolationismus auszeichnete. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Sturm der westlichen Botschaften im Juli 1990 gewidmet - einem bedeutenden Ereignis und einer wichtigen deutsch-albanischen Schnittstelle während des Untergangs der autoritären sozialistischen Regime in Osteuropa.
Der abschließende Exkursionstag widmete sich dem Besuch des Museums Bunk'Art 2, das sich in einem originalen Atombunker des ehemaligen Innenministeriums befindet und einen Einblick in die Funktionsweise der albanischen Geheimpolizei und des Unterdrückungsapparates bot. Der Ausstellungsbesuch wurde durch eine strukturierte Gruppendiskussion unter geschichtsdidaktischen Gesichtspunkten reflektiert, und zwar unter dem Aspekt, wie sozialistische Diktaturen über die klassischen Lehrplan-Paradigmen der DDR und der UdSSR hinaus im europäischen Kontext unterrichtet werden können.

Großer Dank gebührt Jakov Devčić, dem Leiter der Auslandsbüros Serbien und Montenegro der Konrad-Adenauer-Stiftung, für die umfassende Unterstützung der Exkursion.