Didaktik der Geschichte
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LMU-Lehrinnovationspreis

Augmented Reality II. Digitale Konzepte im Museum zwischen Kunst und Geschichtsdidaktik, Sommersemester 2017


turmderblauen

 

Regina Bäck, Dipl.Inf David Plecher M.A. und Matthias Tischler (Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften)


Hilfskräfte: Pierre Suchacek, Marlene Pruss


Lehrstuhl für Geschichtsdidaktik und Public History, Prof. Dr. Michele Barricelli


Im Seminar wurde der Einsatz von Augmented Reality (AR) an historischen Lernorten mit innovativem Potential in Bezug auf Kreativität und Interdisziplinarität erprobt. Perspektiven aus Fachwissenschaft (IT) sowie Fachdidaktik von Seiten der Geschichte und Kunstpädagogik konnten hier schulpraxisorientiert vernetzt werden.

Augmented Reality ermöglicht die Anreicherung der realen Umgebung mit virtuellen Informationen. Die Informationen werden hierbei dreidimensional und lagegerecht in das Sichtfeld des Benutzers eingeblendet. Als Schnittstellentechnologie im historischen Raum zwischen User und Content sind hier neue Möglichkeiten der Information, Interaktion und Produktion möglich.


Das interdisziplinäre Dozententrio (IT/Kunstpädagogik/Geschichtsdidaktik) beleuchtete im Seminar die Thematik AR im Fächerverbund mit theoretisch-praktischen Aspekten. In Studierendentandems mit Teilnehmern aus verschiedenen Fächern wurden schließlich Unterrichtskonzepte zum Einsatz von AR an historisch bedeutsamen Orten entwickelt und im Anschluss im Rahmen eines mehrtägigen Projekts zielgruppenorientiert gemeinsam mit Jugendlichen (15J.) erprobt.


Aufgabenstellung war die Neukonzeption von NS-Architektur mit Begründung des Entwurfs aus gestalterischer bzw. erinnerungskultureller Warte und anschließender Umsetzung via AR. Die interdisziplinär anschlussfähigen Themenfelder Erinnerungskultur, Architektur und Kunstpolitik des Nationalsozialismus wurden im Zuge der Umsetzung individueller Projekte erarbeitet. Die Vermittlung von Grundkenntnissen zu NS-Kulturpolitik und NS-Architektur sowie kreative Raumerkundungsmethoden vor Ort gingen jeweils der selbstständigen Erarbeitung von AR-Konzepten in Kleingruppen voraus. Die Präsentation der Entwürfe via Augmented Reality ermöglichte die Einbettung im Kameramodus unmittelbar an Stelle bestehender Architektur im Stadtraum, sowie die vom konkreten Ort unabhängige Darstellung im Rahmen einer Ausstellung bzw. im Klassenzimmer.

In der Lehrveranstaltung zeigten sich Potentiale von AR, historische Räume im digitalen Zeitalter neu zu begreifen, anzueignen und zu transformieren.

Aus Sicht der Projektbeteiligten konnten die Einschätzungen von AR aus geschichtsdidaktischer Perspektive bestätigt werden. Die Technologie AR setzt das Prinzip der Handlungsorientierung im Verbund mit künstlerischer Freiheit Vergangenheit und Gegenwart in einen Bezug, der zu neuen und eigenen Narrationen führen kann. Hier ist besonders der partizipative Charakter von AR, im Sinne der digitalen Mitgestaltung an Architektur der Erinnerung hervorzuheben.

Die Reflexion von Chancen und Grenzen didaktischer Verwendung des Einsatzes von AR ist sowohl in didaktisch fundierter praktischer Umsetzung als auch in der Reflexion im fachdidaktischen Diskurs ein Pionierforschungsfeld. Die Technologie findet bereits in Kontexten der Gedenkstättenpädagogik, bzw. Museumspädagogik Anwendung (Verschure 2012, Schrier 2005). Historische Stadtführungen bedienen sich hier verstärkt der Technologie der erweiterten Realität (Neubert 2014).

In Bezug auf Relevanz für kunstpädagogische Gestaltungsmedien und -methoden wurde das einzigartige Gestaltungs- und Darstellungspotential von AR hervorgehoben. AR als Schnittstelle zwischen Realraum und virtuellen Inhalten eröffnet Chancen zur Vermittlung von Medienkompetenz und architektonisch-kunsthistorischem Wissen gleichermaßen. Dabei wird der Bildbegriff durch die Dimension Raum mit entsprechenden Gestaltungsmöglichkeiten erweitert (Ide 2016) Aus Warte der jugendlichen Projektteilnehmenden werden vor allem die aktivierenden räumlichen Gestaltungsmöglichkeiten geschätzt. Durch den kreativen Einsatz von AR wird der Stadtraum schließlich ähnlich der Rolle städtebaulicher Akteure partizipativ erfahrbar.


Die im Seminar entstandenen Unterrichtskonzepte und Projekte stehen nicht nur für zukünftige fächerverbindende Seminare im Rahmen von GeschichtePLUS, sondern nachhaltig auch für die Implementierung in die Schulpraxis zur Verfügung. Entsprechend werden verschiedene Medienkompetenzstufen, datenschutzrechtliche und finanzielle Aspekte besonders berücksichtigt.
„Durch die AR-Projektion kann raumsymbolischer Gehalt transportiert werden, wenn als entartet verfemte Kunst in den Räumen ehemaliger Deutscher Kunstausstellungen projiziert wird und – zumindest virtuell – Raum einnimmt.“ (Bäck, Plecher 2017)


Bäck, R.; Plecher, D. (2017) Augmented Reality und kreative Erarbeitung historischer Lernorte. Ein Gestaltungsmedium das Raum neu begreifen lässt. ATHENA Verlag, Impulse. Kunstdidaktik


Ide, Martina (2016) Das Medium prägt die Wahrnehmung in: Aktuelle Postionen der Kunstdidaktik (Martina Die, Christine Korte-Beuckers, Friederike Rückert. Hrsg.) kopaed. München.


Neubert, Anja, Von Grenzgängern und Zeitreisen. Historische Apps und Augmented Reality im Fokus historischen Lernens vor Ort. In: Michael Sauer u. a. (Hrsg.): Geschichte im interdisziplinären Diskurs. Grenzziehungen – Grenzüberschreitungen – Grenzverschiebungen (= Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, Bd. 12), Göttingen 2016, S. 321-340.


Serra L., Mura, A., Betella, A., Martinez, E., and Verschure, P. F. M. J., “Recovering the History of Bergen Belsen Using an Interactive 3D Reconstruction in a Mixed Reality Space: The Role of Pre-knowledge on Memory Heritage. 2015. Recollection.


Schrier, Karen, Revolutionizing History Education: Using Augmented Reality Games to Teach Histories. Department of Comparative Media Studies, 2005.